Aufgewachsen auf dem Land. Historische Aufnahmen und Geschichten über Damals im Wendland. Der Landkreis Lüchow Dannenberg als Beispiel für das Leben auf dem Lande im 20. Jahrhundert.



 

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Zernien
Chronik eines wachsenden Dorfes

Mit alten Fotos von Ulrich Rasche und               
mit der Zernien-Chronik von Helmut Rasche. 

 

  Zernien 2006

 

 

 

 

 

 
Wie schon in der Beutower Spur angeklungen, heiratete die Mühlentochter Gertrud Winterhoff 1938 den Bäcker August Rasche, der seit 1936 als Bäckergeselle auf der Beutower Mühle arbeitete. 1938 pachteten Sie eine Bäckerei in Zernien. 1946 bauten Sie an anderer Stelle ihre eigene Bäckerei, die 1956 durch einen weiteren Anbau (mit Café) ergänzt wurde. Alles Weitere geht im Folgenden aus den Unterlagen hervor, die die Söhne Helmut und Ulrich Rasche zusammengetragen haben. Dabei gibt es auch einen Rückblick auf die früheren Jahrzehnte.
 

Die Bäckerei versorgt auch die Nachbardörfer mit Backwaren, in der Hauptsache Brot.
Das Foto links ist aus den 40er Jahre. Der Bäckerwagen wird hier von einem Kunstmaler dekoriert. Der Wagen wird noch von einem Pferd gezogen.
Das nächste Fahrzeug (unten) ist dann schon motorisiert. Aufschrift: "Dampfbäckerei August Rasche, Zernien".
 

Gemeindeschwester Bertha mit einem kleinen Bäcker, der aber später nicht wirklich Bäcker geworden ist.

 

In den 50er Jahren besucht Helmut Rasche die Mittelschule in Dannenberg. Seine Abschlussarbeit macht er handschriftlich ohne PC und die Recherchen ohne Internet.

Die Entwicklung Zerniens - Eine Mittelschul-Abschlussarbeit aus dem Jahre 1959 von Helmut Rasche.
Ohne Worte
 

Die Arbeit beginnt mit einer gezeichneten Karte: Die Lage Zerniens aus der Sicht des Schülers. Einen Umkreis von fünf Kilometern kann man als Schüler oder Jugendlicher gut mit dem Fahrrad erkunden. Helmut Rasche kann also in über 20 Dörfern Freunde besuchen, ohne auf mütterliche Fahrdienste angewiesen zu sein.
Wenn es im Folgenden 'Heute' heißt, ist das Jahr 1959 gemeint.
 
Chronik von Zernien
 
Vorwort
Im westlichen Teil des Kreises Lüchow-Dannenberg liegt mein Heimatort Zernien. Nördlich von der Bundestraße 191, an der die ersten Häuser von Zernien erbaut wurden, erstreckt sich die Göhrde. Nur wenige Kilometer sind es von Zernien bis zur Göhrde. Außerdem liegt Zernien an der Kreisstraße, die die beiden Bundesstraßen Uelzen-Lüchow und Dannenberg-Lüneburg verbindet. Zernien besteht schon einige Jahrhunderte. Aber bis 1926 war Zernien noch nicht so ausgedehnt und bekannt wie heute. Dieses kam durch die Eisenbahnstrecke von Uelzen nach Dannenberg.
 

Vorher war Zernien eine Ortschaft mit fünf Gebäuden. Bis 1924 kamen noch insgesamt vier Gebäude dazu.

Foto aus einer Ansichtskarte.
Das älteste Haus in Zernien (von Schneider- meister Harneid) wurde 1945 bei letzten Gefechten durch Beschuss zerstört.

 


Gasthaus H. Schulz

Die Entwicklung Zerniens seit 1926
Unter den fünf Gebäuden, die vor 1900 in Zernien waren, befand sich schon ein Gewerbebetrieb. Es war die Gastwirtschaft Lühr, die auch heute noch besteht. 1900 ließ sich ein Schneider in Zernien nieder. Bis 1924 wurden dann noch drei weitere Gebäude errichtet, unter denen sich das erste Baugeschäft in Zernien befand. Das war aber auch alles in den 24 Jahren.
Aber es sollte bald anders werden. Als die ersten hörten, dass durch Zernien die Bahnstrecke von Uelzen nach Dannenberg führen sollte, wurden die nächsten Gebäude errichtet. Darunter befanden sich die zweite Gastwirtschaft, eine Landhandels-Genossenschaft, sowie die Mühle mit Sägewerk und eine Landpostzustellung. Aber die Landhandelsgenossenschaft sowie die Mühle mit Sägewerk sind nach mehrjährigem Bestehen zum Erliegen gekommen. Im Jahre 1926 war es so weit, die Bahnstrecke von Uelzen nach Dannenberg konnte in Betrieb genommen werden. Von jetzt an gewann Zernien an Bedeutung und beeinflusste die Entwicklung im westlichen Kreisteil beachtlich. Durch die verkehrsmäßige Erschließung ermutigt, siedelten sich im Laufe der Jahre Geschäftsleute, Handwerker aller Berufsarten, darüber hinaus praktischer Arzt, Zahnarzt, Apotheke und Tierarzt an. Die Entwicklung wurde teilweise durch die wechselnden politischen Ereignisse gestört. Nachdem diese aber überwunden waren, kamen die ersten Neubauten im unteren Ortsteil am Bahnhof.
Im Jahre 1922 baute der Landkreis eine Dienstwohnung für den Polizeiposten für den hiesigen Bezirk, außerdem wurden noch einige Privatwohnungen erbaut.
 
In dem verwaisten Gebäude, der in Konkurs geratenen Landhandelsgenossenschaft, errichtete der Schmiedemeister Willi Röske eine Schmiede mit Landmaschinenhandel. Als erste Landhandelsfirma eröffnete die Firma Lambert Polster.

Im Jahre 1930 kam das erste Lebensmittelgeschäft nach Zernien. Da einer auf den anderen angewiesen war, siedelten sich in den Jahren 1931 bis 1944 eine Tischlerei, eine Bäckerei, welche der bis dahin noch bestandenen Mühle mit Sägewerk beigefügt wurde, eine Stellmacherei, die zweite Landhandelsfirma Präsent, zwei Tankstellen und eine Polsterei an.


Der Bahnhof von Zernien.


Inzwischen wurde auch noch das weibliche Reichsarbeitsdienst-Lager (RAD) errichtet.

 
Da inzwischen der 2. Weltkrieg ausgebrochen war, legte sich jetzt eine Baupause von ungefähr drei Jahren ein. Aber der Krieg wirkte auch in Zernien. Im April 1945 unmittelbar vor Ende des Krieges wurden bei den Kampfhandlungen zwei Wohnhäuser und eine Scheune vernichtet. Das Wohnhaus des Schneidermeisters Harneid war das letzte in Zernien mit Stroh gedeckte Haus. Dadurch ging eines von Zerniens ältesten Häusern verloren. Außerdem wurde eine Anzahl von Gebäuden durch Beschuss beschädigt. Die Schäden waren aber nicht groß, so dass die Gebäude alle erhalten geblieben sind.
 


Elektrofachgeschäft Linde

Als der Krieg zu Ende war, baute der Gastwirt Lühr einen Saal für 250 Personen an. Außerdem ließen sich in Zernien ein Friseur, eine Gemüsegroßhandlung, ein Arzt, ein weiteres Lebensmittelgeschäft und ein Fuhrgeschäft mit Kartoffelgroßhandlung nieder.
In dieser Zeit hatte Zernien ungefähr 600 Einwohner. Dieses kam durch die vielen Flüchtlinge, die überall Unterkunft suchten. Aber in den Jahren 1948 bis 1949 war die Einwohnerzahl wieder bis auf 300 abgefallen.
 

Die Bäckerei Rasche um 1950.


Später wurde der Schuppen entfernt und es wurde in einen Neubau mit Café und Restaurant investiert.

 

Viele von den Flüchtlingen siedelten sich in Zernien an und bauten in den nächsten Jahren ein Haus. Abermals trat eine Baupause ein. Es war die Währungsreform. Aber als diese überstanden war, begann die Ansiedlung neuer Gewerbebetriebe und Privatwohnungen von neuem. Da die Einwohnerzahl laufend zunahm siedelten sich im Jahre 1949 die zweite Bäckerei, ein Sägewerk mit Holzhandel und ein zweites Baugeschäft an. 1951 siedelten sich ein Elektrogeschäft mit Installationen und eine Nebenzweigstelle der Kreissparkasse an. In den nächsten vier Jahren siedelten sich ebenfalls wieder Gewerbebetriebe, wie ein drittes Baugeschäft, ein Textilwarengeschäft mit Schneiderei, ein Zahnarzt, NWDR-UKW-Sender und ein Gärtnereibetrieb an und Privathäuser von Beamten und Arbeitern wurden laufend errichtet. Auch ein Cafe wurde noch eingerichtet. In den Jahren 1956 bis 1958 ließ sich ein Tierarzt, ein Malereibetrieb, eine Landmaschinenhandlung mit Reparaturwerkstatt nieder, außerdem wurde ein Saal für 500 Personen, eine Konservenfabrik ein Verkaufsschuppen von Kornhaus Schnega und ein Schuppen Absatzgenossenschaft Rosche errichtet. In diesem Jahr kam nach Zernien eine Zweigstelle der Genossenschaftsbank Dannenberg und ein Friseur. Aber schon sind wieder zwei neue Geschäftshäuser im Entstehen. Aber dies ist noch lange nicht der Schluss. Für das Jahr 1960 sind schon 10 weitere Neubauten und eine dreiklassige Zentralschule geplant.
Da für die Zukunft mit weiterer reger Bautätigkeit zu rechnen ist, hat die Gemeinde eine Ortsplanung anfertigen lassen.


Die zweite Tankstelle


Die Gebäude des Senders "NWDR-UKW".

 


Auf dem Luftbild vom Ende der Fünfziger Jahre ist nicht nur der Neubau von Rasches interessant, sondern mehr noch die Randlage. Der Bau-Boom ging in Zernien weiter und heute sind dort große Flächen mit Gewerbebetrieben und Wohnhäusern bebaut. Mit der Maus über dem Foto wird das auf einem neuen Luftbild deutlich.


Beim großen Waldbrand 1959 in der Göhrde waren nahezu alle Wehren aus den Landkreisen Lüchow-Dannenberg und Uelzen mehrere Tage im Einsatz. 500 ha Wald wurden in den beiden Landkreisen vernichtet.



Das dritte Bäckereifahrzeug.


Das vierte Bäckereifahrzeug.

 


An der Bundesstraße um 1960.


Die Göhrdestraße in Zernien um 1960.

Zerniens Bodennutzung
Die Gemarkung Zernien hat eine Gesamtfläche von 206 ha. Von diesen 206 ha ist ungefähr ein Fünftel bebaut. Weitere 82 ha sind Waldfläche und die restlichen 83 ha sind landwirtschaftlich genutzte Fläche. Diese 83 ha werden von drei Bauern und mehreren kleinen Landwirten und Privatleuten bebaut. Der Boden ist in der Gemarkung Zernien leicht bis mittelschwer. Auf diesem Boden wird zum größten Teil Kartoffeln, Roggen, Weizen und Zuckerrüben angebaut. Der Boden ist bei einigermaßen gutem Wetter sehr ertragreich.
Südlich der Bundesstraße 191 wird auf einer Wiese Lehm für die Ziegelei in Wibbese abgebaut. Der Papengrund, der westlich der Lehmabbaustelle liegt, steht unter Naturschutz.
Der untere Teil Zerniens ist auf einem Hochmoor erbaut, und hinter der Bahnstrecke Uelzen-Dannenberg liegt eine Ortsteinschicht in 20 cm Tiefe. Diese wiederholt sich des öfteren, aber nie so stark wie die hinter der Bahnlinie.
Das Waldgebiet erstreckt sich an verschiedenen Stellen. Ein großer Teil nördlich der Bundesstraße schließt sich der Göhrde an. In diesem Teil entstand auch am 22.6.59 der schreckliche Brand, der eine große Fläche Bauernwald, Schonungen und Göhrde-Forst vernichtete. Wenn man jetzt diese Stätte betritt, kommt man sich wie in einem Geisterwald vor. Es wird noch Jahre und Jahrzehnte dauern, bis dieser Waldbestand erst wieder aufgewachsen ist. Andere Teile der Waldfläche liegen im Osten und im Süden. Diese sind aber immer nur kleine Bestände, die mit Mischwald bewachsen sind

Allgemeines über Zernien
Ein kleiner Überblick über die zunehmende Einwohnerzahl Zerniens zeigt deutlich die Entwicklung in den letzten 20 Jahren. Im Jahre 1885 hatte Zernien 36 Einwohner, 1939 waren es 99 Einwohner und 1959 hat Zernien 405 Einwohner. Die Einwohnerzahl Zerniens stieg jährlich um ungefähr 10 Prozent. Auch wird sie voraussichtlich in den nächsten drei Jahren um ungefähr 10 Prozent steigen, denn viele tragen sich mit der Absicht in den nächsten Jahren in Zernien zu bauen.
Da Zernien ein Ort mit verhältnismäßig vielen Gewerbebetrieben ist, steht es sich finanziell bedeutend besser als die ganzen umliegenden Ortschaften. Da ist es nicht verwunderlich, dass Zernien seit Frühjahr 1955 jährlich einen Teil neuer Straßen erhält und seit Herbst 1955 eine Straßenbeleuchtung hat. In diesem Jahr wurde die Kreisstraße, die die beiden Bundesstraßen Dannenberg-Lüneburg und Uelzen-Dannenberg verbindet, innerhalb Zerniens um 2 m verbreitert, da die 4 m breite Betonstraße für den immer mehr zunehmenden Verkehr nicht mehr ausreichte. In Zernien selbst sind nur noch einige Seitenwege nicht befestigt. Aber auch diese sollen in den nächsten Jahren eine Beton- oder Asphaltdecke erhalten. So sind also in den nächsten Jahren die Straßenverhältnisse sehr gut.

Schlusswort
Ich denke, dass es mir gelungen ist, durch der schriftlichen Materialien, die Bilder und die Zeichnungen die Entwicklung Zerniens darzustellen. Den Grundstein zu dieser Entwicklung legte wohl die Bahnstrecke Uelzen-Dannenberg. Wenn die Entwicklung weiterhin solche Fortschritte erzielt, wäre es nicht verwunderlich, dass Zernien ein Flecken wird. Auch verdankt Zernien die Entwicklung der günstigen Lage und dem Unternehmungs- geist vieler Handwerker und Ärzte. Wenn dieses nicht alles zusammen gefallen wäre, so glaube ich, wäre Zernien eine Ortschaft wie alle um Zernien herum. Aber da es dieses nicht ist, können wir stolz auf Zernien sein.

 

Das Café-Restaurant entwickelt sich zu einem beliebten Treffpunkt.
Foto: Die Wandlampen strahlen die 50er-Jahre-Gemütlichkeit aus. Am Stammtisch wird Skat "gekloppt". Die Musikbox bietet eine Menge Märsche und "Ich kauf mir einen Tirolerhut".

 

 

In der Tour berichten wir auf der nächsten Seite über eine große technische Anlage, die in diesem Jahrzehnt zahlreiche Arbeitsplätze für das Lüchower Umland stellte.

  Die Überseefunkempfangsstelle bei Woltersdorf

 

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